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Deutschland nach Sieg gegen Italien im EM-Halbfinale

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Bordeaux (dpa) - Eupho­ri­sert feierten die glück­li­chen Weltmeister mit ihren Fans in der Fankurve. Und Manuel Neuer reckte als umjubelter Held von Bordeaux die Arme in die Höhe.Der Italien-Fluch ist nach einem Elfmeter-Drama endlich Geschichte. Dank Neuer hat die deutsche Fußball-Natio­nal­mann­schaft im neunten Anlauf den ersten Turnier­sieg gegen den Angst­gegner Italien und damit den Einzug ins Halbfi­nale geschafft. Der Keeper war beim 6:5 im Elfme­ter­schießen der Held in einem zähen Abnut­zungs­kampf in Bordeaux.Der Welttor­hüter hielt zwei Elfmeter, ehe Jonas Hector im 18. Schuss den deutschen Sieg sicher­stellte. Nach 120 Minuten hatte es 1:1 (1:1, 0:0) gestanden. Damit nimmt der Weltmeister nun mit Volldampf Kurs auf den vierten Titel bei einer Europa­meis­ter­schaft. Nur Gastgeber Frank­reich oder Außen­seiter Island können am Donnerstag in Marseille noch den siebten Einzug einer deutschen Auswahl in ein EM-Finale verhin­dern. Dabei wird aller­dings Mats Hummels wegen einer zweiten Gelben Karte fehlen.„Das war ein Elfme­ter­schießen, das ich so noch nicht erlebt habe. Das hat sehr lange gedauert. Wir hatten Pech im Spiel mit dem Handelf­meter. Wir waren die dominie­rende Mannschaft und sind verdient ins Halbfi­nale einge­zogen“, sagte Neuer und der entschei­dende Schütze Jonas Hector ergänzte: „Das ist schwer in Worte zu fassen. Ich bin überglück­lich, dass er reinge­gangen ist. Es waren nicht mehr viele Leute da. Ich habe mein Herz in die Hand genommen und wollte ihn nur reinma­chen.“Für Deutsch­land war es bereits der sechste Sieg im siebten Elfme­ter­schießen bei einem großen Turnier. Die Entschei­dung fiel erst durch den neunten deutschen Schützen. Zuvor hatten sich Thomas Müller, Mesut Özil und Bastian Schwein­steiger Fehlschüsse geleistet, während Toni Kroos, Julian Draxler, Mats Hummels, Joshua Kimmich und Jérôme Boateng trafen. In der regulären Spiel­zeit hatte Mesut Özil die deutsche Elf in der 65. Minute in Führung gebracht, doch die Italiener kamen durch einen verwan­delten Handelf­meter von Leonardo Bonucci noch zurück ins Spiel (78.). Voraus­ge­gangen war ein Handspiel von Abwehr­chef Boateng.Das 34. Aufein­an­der­treffen der vierma­ligen Weltmeister war von höchstem Respekt geprägt. Nur keinen Fehler machen, lautete auf beiden Seiten die Devise. Bereits die deutsche Aufstel­lung hatte gezeigt, dass Löw vor allem eine sichere Defen­sive wichtig war. Wie schon beim 4:1 im letzten Aufein­an­der­treffen im März in München stellte der Bundes­trainer von einer Vierer- auf eine Dreier-Abwehr­kette um. Benedikt Höwedes kehrte damit ins Team zurück, dafür wurde der gegen die Slowakei noch überra­gende Wolfs­burger Julian Draxler geopfert.Vor 38 764 Zuschauern im Nouveau Stade de Bordeaux glich das Duell eher einer Partie Rasen­schach. Die Italiener, bei denen es für den angeschla­genen 2006er Weltmeister Daniel de Rossi erwar­tungs­gemäß nicht zu einem Startelf-Einsatz reichte, agierten äußerst defensiv und überließen der DFB-Auswahl die Spiel­kon­trolle. Beim Weltmeister ging jedoch die defen­sive Kompakt­heit zulasten des Offen­siv­spiels, in dem es kaum zu Überzahl­si­tua­tionen kam. Gerade die linke Draxler-Seite lag völlig brach, Özil hing in der Luft. Vom Chancen-Feuer­werk wie etwa gegen Nordir­land (1:0) oder der Slowakei (3:0) blieb nicht mehr viel übrig.Schon nach 15 Minuten war Löw außerdem gezwungen, erneut umzustellen, als für Bastian Schwein­steiger der Ernst­fall eintrat. Sami Khedira humpelte mit Adduk­to­ren­pro­blemen vom Platz. Ausge­rechnet Khedira, der sich als Italien-Legionär gegen seine Kollegen von Juventus Turin viel vorge­nommen hatte. Schon vor dem WM-Finale 2014 hatte er kurz vor dem Anpfiff verlet­zungs­be­dingt passen müssen. So musste der Kapitän ran und Schwein­steiger schnappte sich sogleich die Binde. Der Mittel­feld­chef war zwar nicht so präsent, teilte sich aber gut die Kräfte ein.Es dauerte bis kurz vor der Pause, ehe die deutsche Mannschaft zu ersten zaghaften Chancen kam. Ein Kopfball von Mario Gomez nach Flanke des soliden Joshua Kimmich verfehlte aber deutlich das Ziel (41.). Eine Minute später kam Thomas Müller frei zum Schuss, doch der bei EM-Endrunden bislang so glück­lose Münchner traf den Ball nicht richtig, so dass Italiens Startor­hüter Gianluigi Buffon keine Probleme hatte, den Ball aufzu­nehmen. Der 38-Jährige war wie auf der Gegen­seite Manuel Neuer ohne Gegentor in sein 160. Länder­spiel gegangen.Neuer übertraf derweil schon nach wenigen Minuten den Rekord von Sepp Maier, der vom EM-Finale 1976 bis zum fünften Spiel bei der WM 1978 insge­samt 481 Minuten ohne Gegentor geblieben war. In der 43. Minute wäre die Zu-Null-Serie von Neuer fast schon gerissen. Emanuele Giaccherini gab aus spitzem Winkel einen Schuss auf das Tor ab, den Neuer noch parierte. Beim anschlie­ßenden Nachschuss von Stefano Sturaro wäre der Bayern-Schluss­mann aber wohl machtlos gewesen, Boateng fälschte den Ball noch leicht ins Toraus ab.Ein unver­än­dertes Bild bot sich den Zuschauern auch in der zweiten Halbzeit. Die deutsche Mannschaft befand sich mit viel Respekt weiter im Vorwärts­gang und stand in der 54. Minute dicht vor der Führung. Gomez legte den Ball gut auf Müller ab, der diesmal alles richtig machte. Sein Schuss wurde aber noch spekta­kulär von Alessandro Florenzi abgewehrt. Elf Minuten später war es dann soweit. Nachdem sich Gomez im Stile eines Spiel­ma­chers gegen drei Italiener an der Außen­linie behauptet und den Ball auf Hector weiter­ge­leitet hatte, gelangte der Ball zu Özil, der in Mittel­stürmer-Position zur Führung einschoss.Eine starke Aktion von Gomez, der drei Minuten später seine gute Vorstel­lung fast mit einem Tor veredelt hätte. Nach einem feinen Pass von Özil legte sich der Torschüt­zen­könig aus der Türkei den Ball mit der Brust vor, um schlie­ß­lich mit einem sehens­werten Hackentrick Buffon zu einer Glanztat zu zwingen. Nach dieser Aktion war aber Schluss für Gomez, der angeschlagen vom Feld musste.Deutsch­land hatte das Spiel eigent­lich im Griff, doch ein unnötiges Handspiel von Boateng brachte Italien zurück ins Spiel. Damit kassierte Neuer nach 557 Turnier­mi­nuten sein erstes Gegentor. Danach wurde Italien besser, hochka­rä­tige Torchancen blieben aus, auch in der Verlän­ge­rung.