Ein Schatz in Görlitz
Zwischen Görlitz und Minsk liegen rund 1.000 Kilometer. Beide Städte sind gut elf Autostunden voneinander entfernt. In Görlitz wird ein Schatz aufbewahrt, der für viele Weißrussen ein Heiligtum darstellt. Es ist ein über 500 Jahre altes Buch, eine Bibel – die Skaryna-Bibel. In ihr widerspiegelt sich auch der europäische Gedanke, das Verbindende zwischen Nationen. In Zeiten von Misstrauen und Zwietracht und vor allem angesichts des aktuellen Konflikts mit Weißrussland hat das Buch nicht nur historischen Wert.
Jedes Schulkind in Weißrussland kennt das Porträt von Franziskus Skaryna. Ein Denkmal des Universalgelehrten und Übersetzers steht vor der Nationabibliothek in Minsk: eine überlebensgroße Figur mit ausgebreiteten Armen, in einer Hand ein Buch. In der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften in Görlitz wird ein Exemplar der Skaryna-Bibel aufbewahrt, das einzige in einer deutschen Bibliothek. Das Buch hat für die weißrussische Kultur und Nation die vergleichbare Bedeutung wie die Lutherbibel für die deutsche Sprache„, so die wissenschaftliche Bibliothekarin, Karin Stichel. Damit sei eine einheitliche weißrussische Schriftsprache entstanden.
Die Schrift gilt als erstes überhaupt in einer ostslawischen Sprache gedrucktes Buch. Franziscus Skaryna übersetzte die Bibel vor rund 500 Jahren
in die altweißrussische Volkssprache und druckte die Übersetzung in einer von ihm in Prag betriebenen Druckerei. 1615 kam ein Exemplar nach Görlitz. Doch erst fast 400 Jahre später stellte sich heraus, was für ein Schatz in der Neißestadt schlummert. 2005 wurde die rund 1.300 Seiten starke Ausgabe als Skaryna-Bibel identifiziert. Das sorgte international für Aufsehen. In den Katalogen war sie bis dato als russische Bibel klassifiziert.
Das Görlitzer Exemplar wurde 2017 in Minsk ausgestellt und dort auch digitalisiert. Das digitalisierte Gesamtwerk gehört zu den wichtigsten Dokumenten der Nationalgalerie in Minsk. Die Skaryna-Bibel kann gerade in der jetzigen Zeit auch ein Botschafter sein. Ein Botschafter, der ein Wegweiser ist, Gräben zu überwinden. “Weil der europäische Gedanke in diesem Buch stark zum Ausdruck kommt. Es wäre deshalb gut, wenn so ein Projekt zum weiteren Im-Gespräch-bleiben führen würde„, so die Görlitzer Bibliothekarin.