Vom Bus, der alleine fährt, aber einen Fahrer braucht
Von wegen Zukunftsmusik: In Rackwitz bei Leipzig rollt seit 2023 ein Linienbus, der ganz von selbst fährt. Aber nur mit Fahrer. Wir haben uns das angeschaut und mit den Menschen gesprochen, die das möglich machen – und die, die täglich an Bord sind.
Der Bus, der (fast) alles alleine macht
„Ich bin heute nur temporär der Busfahrer“, sagt Tim Alscher mit einem Schmunzeln, als er vorn im Cockpit des autonom fahrenden Busses sitzt. Der Wagen wirkt wie jeder andere. Erst auf den zweiten Blick wird klar: Hier ist etwas anders. Das Lenkrad dreht sich von allein, Gas und Bremse werden automatisch betätigt, der Blinker setzt sich wie von Geisterhand.
„Ich muss eigentlich nur noch überwachen“, erklärt Tim. „Am Start drück' ich auf einen Knopf – und ab da weiß der Bus, wohin es geht.“ Die Technik macht den Rest. Nur die Türknöpfe müssen die Fahrgäste selbst betätigen. Wie bei der S-Bahn.
Vertrauen in Technik – und ein bisschen Kontrolle
Ob das nicht manchmal mulmig ist? „Gar nicht“, sagt Tim und lehnt sich entspannt zurück. „Ich vertraue voll und ganz auf das System.“ Klar, man müsse wach bleiben und dürfe nicht träumen. Aber das System werde immer besser. „Ich kann mittlerweile ganz entspannt fahren, weil ich weiß: Das klappt.“
Trotzdem trägt er Verantwortung. Für das Projekt hat Tim extra noch den Busführerschein gemacht. Denn im Ernstfall muss er eingreifen können. „Das ist ja kein Geisterbus. Ich bin immer noch da.“
Die Zukunft fährt elektrisch – und fast allein
Der Bus ist Teil des Projekts Flash, ein Testlauf für die Mobilität von morgen. „Unser Ziel ist es, auch im ländlichen Raum rund um die Uhr mobil zu sein, ohne dass dabei ein Bus mit leeren Sitzen durch die Gegend fährt“, sagt Christian Hoyers, Amtsleiter im Landkreis Nordsachsen und einer der Initiatoren.
Das Fahrzeug fährt vom Bahnhof Rackwitz über den Biedermeierstrand bis zum Schladitzer See – eine beliebte Badegegend. Hoyers erklärt: „Der Bus fährt eine zehn Kilometer lange Strecke mit bis zu 60 km/h – das ist ziemlich flott für ein autonomes Fahrzeug.“ Und das Beste: „Er fährt zuverlässig. Das System ist inzwischen richtig rund.“
Ministerin Kraushaar: „Das ist die neue Generation ÖPNV“
Auch die Politik ist begeistert. Regina Kraushaar, Staatsministerin in Sachsen, sagt: „Der Bus fährt automatisiert: Das ist die neue Generation des öffentlichen Verkehrs. Heute ist noch ein Fahrer dabei, aber in Zukunft wird das nicht mehr nötig sein.“
Der Grund dafür sei nicht nur die Technik, sondern auch ein ganz praktisches Problem: „Es fehlen einfach Fahrer. Viele gehen bald in Rente, und es kommen zu wenige nach.“ Ein System, das allein fahren kann, sei da ein echter Hoffnungsträger.
Sicherheit hat oberste Priorität
Bei all der Technik bleibt ein Punkt entscheidend: die Sicherheit. „Klar, 100 Prozent Sicherheit gibt es nie – aber unser System ist so aufgebaut, dass es genauso sicher ist wie ein normaler Linienbus“, betont Christian Hoyers. Und: „Erst wenn die Technik wirklich besser ist als der Mensch, wird der Fahrer nicht mehr gebraucht.“ Bis dahin bleibt ein Sicherheitsfahrer an Bord – und der hält auch weiterhin die Augen offen.
Und wie fühlt sich das Fahren an?
„Am Anfang ist es schon komisch, wenn das Lenkrad sich von selbst dreht“, gibt Tim zu. „Aber mit der Zeit gewöhnt man sich dran und dann macht’s sogar Spaß.“
Fahrplan & Infos
Der automatisierte Bus verkehrt auf der Strecke zwischen dem Bahnhof Rackwitz und der Schladitzer Bucht (Biedermeierstrand). Er fährt donnerstags bis sonntags, jeweils von 10:00 bis 18:00 Uhr – im Stundentakt.
Einsteigen kann jeder mit einem gültigen ÖPNV-Ticket, der Fahrplan ist öffentlich einsehbar, der Bus hält an regulären Haltestellen. Und wer möchte, kann sich vor Ort einfach mal selbst überzeugen: Einsteigen, zurücklehnen – und der Technik beim Fahren zuschauen.