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Leipzigs kleinste Tür: Ein Geheimgang gegen das Feuer

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Wer durch die Hainstraße in der Leipziger Innenstadt schlendert, übersieht sie leicht. Zwischen den Hausnummern 4 und 6 versteckt sich eine Tür, die kaum einen Meter hoch und gerade mal einen halben Meter breit ist. Doch hinter diesem unscheinbaren Holztor verbirgt sich ein echtes Stück Stadtgeschichte.

Silvia Kolbe kennt diesen Ort genau. Sie ist seit über 40 Jahren Stadtführerin in Leipzig und zeigt ihren Freunden und ihrer Familie am liebsten die Ecken, die selbst Einheimische nicht kennen. „Das ist die Tür, hinter der sich eine Brandgasse verbirgt“, erklärt sie. Nach ihrem Wissen ist es die einzige, die im Stadtzentrum noch erhalten geblieben ist.

Früher war so eine schmale Gasse überlebenswichtig. In alten Chroniken aus dem 18. Jahrhundert liest man ständig von „Feuersbrünsten“. Besonders schlimm traf es Leipzig im Jahr 1420, als wohl zwei Drittel der damaligen Stadt abbrannten. Silvia Kolbe erklärt den Nutzen der Gasse ganz einfach: „Der Sinn dieser Gasse ist gewesen, man konnte schnell von einer Straße zur anderen durch zum Löschen. Und man konnte verhindern, dass das Feuer von einem Haus auf das andere übergriff.“

Dass die Gasse so extrem schmal ist, hatte übrigens einen interessanten Nebeneffekt. Wer damals wohlhabend und damit oft auch etwas fülliger war, passte dort gar nicht erst hinein. „Die waren ganz bestimmt nicht bei den Leuten, die die Löscharbeiten machten“, schmunzelt die Stadtführerin. Reiche Leipziger ließen damals lieber andere für sich schuften.

Kletterpartien für Waisenjungen

Drinnen war Silvia Kolbe selbst noch nie – vor der Tür hängt seit Jahrzehnten ein Vorhängeschloss. Doch aus alten Fortbildungen weiß sie, dass es im Inneren der Gasse seltsame Einbuchtungen in den Wänden gibt. Diese dienten als Tritte. Schornsteinfeger konnten sich so mit dem Rücken an die eine Wand stemmen und mit den Füßen in den Nischen die Wand hochklettern. Ein gefährlicher Job, für den man damals oft Waisenjungen einsetzte.

Warum ausgerechnet hier?

Die Häuser an der Hainstraße erzählen ihre eigene Geschichte. Das Haus Nummer 4 wurde 1662 gebaut. Der Bauherr wusste genau, dass nebenan im Haus Nummer 6 noch viel Holz verbaut war – ein echtes Risiko. Da es kurz zuvor in der Nachbarschaft, etwa in der Fleischergasse, heftig gebrannt hatte, wollte er sein Eigentum schützen. „Wenn man sowas im Hinterkopf hat und baut ein neues Haus, dann versucht man natürlich, dieses bestmöglich zu schützen – zum Beispiel durch so eine Brandgasse.“

Heute ist die kleine Tür nur noch ein stilles Denkmal an die Zeit, als Feuer die größte Angst der Stadtbewohner war. Wer also das nächste Mal durch die Hainstraße läuft: Augen auf! Es lohnt sich, mal kurz in die Knie zu gehen und durch den Spalt über der Tür zu linsen.

Audio:

Im Interview erfährt man noch mehr über die Hintergründe dieser winzig kleinen Tür.

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