++ EIL ++

Neun Frauen, ein Todesmarsch – und eine Jugendgruppe, die ihre Geschichte bewahrt

Zuletzt aktualisiert:

Die Junge Gemeinde Wurzen hat in jahrelanger Arbeit etwas geschafft, was viele für unmöglich hielten: Sie hat das Buch „Sie waren neun“ der US-amerikanischen Autorin Gwen Strauss ins Deutsche übersetzt – ein Buch über neun junge Frauen, die das Konzentrationslager Ravensbrück und einen Todesmarsch überlebten. Übersetzt wurde es von den Jugendlichen ganz ohne Bezahlung, in ihrer Freizeit – und das neben Schule, Abitur und allem, was sonst noch zum Leben in dem Alter dazugehört.

„Wir haben die Kapitel aufgeteilt und Stück für Stück übersetzt“, erzählt Fabian Hanspach. Er ist Diakon, Religionspädagoge und leitet die Jugendgruppe der Kirchgemeinde Wurzen. Die Idee dazu kam ihnen, als die Gruppe sich im Rahmen des Projekts „Grenzgeschichten“ intensiv mit der NS-Zeit in ihrer Region auseinandersetzte. Über einen Vereinsstammtisch lernten sie Ina Adler kennen – Dolmetscherin und engagiert in der Aufarbeitung von Zwangsarbeit. Sie brachte das Buch ins Gespräch.

Eine wahre Geschichte, die in Wurzen endet – und neu erzählt wird

Das Buch erzählt von neun Frauen, die in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs aus einem KZ zur Zwangsarbeit nach Leipzig gebracht wurden. Als der Krieg sich dem Ende neigte, wurden sie – wie viele andere – auf einen brutalen Todesmarsch getrieben. „Wer nicht mehr konnte, wurde erschossen. Pausen gab es kaum, Essen erst recht nicht“, beschreibt Hanspach das Grauen, das den Frauen widerfuhr.

Hinter Wurzen, bei Oschatz, nutzten sie schließlich eine unbewachte Situation, sprangen in ein Rapsfeld, stellten sich tot – und überlebten. Von dort flohen sie 150 Kilometer zu Fuß durch Sachsen, bis sie von den Alliierten befreit wurden.

Zwei Jahre, hunderte Stunden – und kein Cent dafür

Die Jugendlichen arbeiteten über zwei Jahre an dem Buch. „Gerade am Anfang war das Englisch echt eine Herausforderung“, erinnert sich Hanspach. Doch mit der Zeit sei es besser geworden – und sie hätten bewusst auf KI oder automatische Übersetzungen verzichten wollen.

Vierzehn Jugendliche und Hanspach beteiligten sich an der Übersetzung. „Manche haben im Urlaub weitergemacht oder sogar in der Prüfungsphase. Das zeigt, wie viel Herzblut da drinsteckt.“ Unterstützung bekamen sie von Ina Adler und einer befreundeten Übersetzerin, die die Texte redigierten.

Einen Verlag zu finden, der das Buch drucken würde, war schwierig. „Viele sagten, das Thema sei zu alt, es lohne sich nicht.“ Doch der SAX-Verlag sagte zu – unentgeltlich.

Kirche als Brücke zur Gesellschaft

Obwohl das Buch wenig mit Religion zu tun hat, sieht Hanspach eine klare Verbindung: „Die Kirche soll ein Ort sein, der an die Vergangenheit erinnert, der Werte vermittelt – dass jedes Leben wertvoll ist, egal woher man kommt oder wie man aussieht.“

Für ihn ist dieses Projekt auch ein Beispiel dafür, wie Kirche wieder mitten in der Gesellschaft stehen kann. „Wir müssen uns als Kirche trauen, mitzureden. Gerade bei so wichtigen Themen.“

Gwen Strauss’ Besuch und die Reise der Gemeinde

Im Dezember 2023 besuchte die Autorin Gwen Strauss die Gruppe in Wurzen, um mit den Jugendlichen über die Übersetzung und die Planung des Projekts zu sprechen. Während dieses Treffens diskutierten sie die nächsten Schritte und die Bedeutung des Buches. Unabhängig davon fuhr die Gemeinde unter der Leitung von Fabian Hanspach selbst die damalige Fluchtroute der neun Frauen ab und besuchte die entscheidenden Orte.

Das Buch wurde mittlerweile bereits in deutscher Sprache veröffentlicht, pünktlich zum 80. Jahrestag des Kriegsendes und der Leipziger Buchmesse 2025. Dass diese Fassung überhaupt existiert, ist einzig und allein der Wurzener Jugendgruppe zu verdanken. Fabian Hanspach resümiert: „So etwas macht man nicht jeden Tag. Aber vielleicht gerade deshalb ist es so wichtig.“

Audio:

Im Interview berichtet Fabian Hanspach, der Leiter der Jungen Gemeinde in Wurzen, über das Übersetzungsprojekt und die damit verbundenen Herausforderungen.